Krankenstände steigen

Aktuelle Daten der GKVen zeigen einen neuerlichen Anstieg der Krankenstände (vgl. z.B. BKK Gesundheitsreport 2009). Weitergehende Prognosen lassen erkennen, dass hiermit der Beginn einer längerfristigen Entwicklung eingeläutet ist:

1. Heute sind schon rund ein Viertel der Erwerbstätigen über 50 Jahre alt; 2020 wird es mindestens jeder Dritte sein. Bei längerer Lebensarbeitszeit und etwa gleichbleibendem Anteil unter 30jähriger erhöht sich damit das gesundheitliche Risikopotenzial in den Belegschaften deutlich, insbesondere für progredient verlaufende Zivilisationskrankheiten. Das betriebliche Krankheitspanorama wandelt sich noch mehr hin zu (chronischen) Rückenschmerzen und Herz-assoziierten Erkrankungen mit je stärker ausgeprägten AU-Dauern. Beske (2007) prognostiziert für die nächsten 40 Jahre gar eine Zunahme altersabhängiger Erkrankungen um 67,3% und nur jeder zweite Beschäftigte erwartet, unter den derzeitigen Bedingungen seine Tätigkeit bis zum Rentenalter ausüben zu können.

2. Die Veränderungen der Arbeitswelt (immer mehr Dienstleistungs- und Informationsberufe, zunehmende Arbeitsdichte und Komplexität, geringere körperliche Belastungen, Beschleunigung von Lebenstempo, technischem und sozialem Wandel) schlagen sich gleichfalls in der Fehlzeitenstruktur nieder: Sprunghaft angestiegen sind psychovegetative Störungen und konstant an der Spitze liegen (auch in deren Folge) Dorsopathien. Die Whitehall-Studien zeigen außerdem, dass Stressfolgen nicht nur "Managerkrankheit" sind, sondern Produktionsmitarbeiter belastungsabhängig sogar einem höheren Herz-Kreislauf-Risiko unterliegen als Angestellte und diese stärker als die Führungsmannschaft.

3. Beschwerdebilder wie Nackenverspannungen, Kopf- oder Kreuzschmerzen, Dysthymien oder Erschöpfungszustände begleiten immer häufer den Arbeitsalltag (z.B. BAUA 2007). Präsentismus - die Anwesenheit trotz Krankheit oder gravierender Symptome - raubt riesige Potenziale. Mangelnde Durchblutung und unphysiologisch belastende Arbeitsstrukturen sowie zunehmende Kommunikationsprobleme führen beim Mitarbeiter zu eingeschränktem Wohlbefinden und im Unternehmen zu dramatisch absinkender Arbeitsqualität, Innovationsfähigkeit und Produktivität.

4. 87% der deutschen Beschäftigten zeigen eine geringe Bindung zu ihrem Unternehmen, d.h. wenig Motivation und Engagement (Gallup Index 2008) - im internationalen Vergleich lediglich Rang 17. Dies wirkt sich indirekt auf Krankenstand und Fluktuation aus. Die Sichtweise zur Wirtschaftslage brachte im 8jährigen Längsschnitt übrigens keinen Effekt auf die Bindung zum Unternehmen.

5. Selbst die Arbeitskräfte von morgen weisen einen immer schlechteren Gesundheitszustand auf. Nach Presseinformationen der AOK (2009) überholten die Azubis in den AU-Tagen nun die Angestellten und Teilzeitbeschäftigten. Der Hauptrisikofaktor für spätere Erkrankungen - Übergewicht - nahm gegenüber den 80er und 90er Jahren gar um 50% zu (KIGGS 2008), und weitere Indikatoren wie depressive Episoden, Suchtverhalten und Rückenbeschwerden wachsen schon bei den Jungen an.